Laudatio

auf den Kunstler und Preisträger
Armin Guerino, geb. 12.12.1961 in Wien

am 19.12.2001
in der galerie.kärnten
im Regierungsgebäude der Kärntner Landesregierung, Arnuflplatz 1, 9020 Klagenfurt

In der diesjährigen November-Ausgabe der Sonderbeilage „ZEIT LITERATUR“ [Nr. 47, 56. Jahrgang, Seite 19-22] wird ein ZEIT-Gespräch von Fritz J. Raddatz mit dem amerikanischen Schriftsteller und Dichter John Updike (geb. am 18.03.1932, in Massachusetts/USA lebend) wiedergegeben. Am Ende des Interviews sagt John Updike „Die Wahrheit der Kunst, liegt im Leid das sie birgt. Ja, es ist wahr. Wer nicht gelitten hat, hat nichts zu sagen.“
Dieses Gespräch wurde vor dem 11. September 2001 geführt.

1. Die Wahrheit der Kunst ....

„Die Wahrheit der Kunst, liegt im Leid das sie birgt. Ja, es ist wahr. Wer nicht gelitten hat, hat nichts zu sagen.“

Dies gilt auch für den Künstler Armin Guerino, dessen Bilder diese unerhörte Wahrheit der Kunst sagen und sagen wollen.
Mit dieser Vernissage wird eine längere Ausstellung in der Galerie Kärnten eröffnet, in der Sie mit Hör- und Sehgeduld die Aussage von John Updike prüfen und überprüfen können.
Die hier ausgestellten Bilder von Armin Guerino haschen nicht nach oberflächlichem Beifall oder harmloser Zustimmung. Sie erregen Anstoß und verweisen auf unerledigte Ursprungssituationen des weltpolitischen, nationalpolitischen und zwischenmenschlichen Leidens, oder genauer, aber vielleicht pathetischer gesagt: des unerhörten Elends.
Der Anstoß den die Bilder geben, hängt mit der Wahrheitsfrage der Kunst zusammen.
Wer hat darüber zu entscheiden?

Reiner Kunze bietet dazu in einem Gedicht einen Schlüssel zur Antwort.

(Reiner Kunze [*1933]: ein tag auf dieser erde. gedichte, Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuchverlag, 2000 [FiTB 14933], Seite 84: )

WAS GILT

Wer steinigen will,
dem wird alles zu stein

Sie richten sich an deinem grabe ein
und richten dich

Totenrichter

Und wissen nicht: den dichter richtet
das gedicht

Übertragen auf die bildende Kunst heißt das:

WAS GILT

Wer steinigen will,
dem wird alles zu stein

Sie richten sich an deinem grabe ein
und richten dich

Totenrichter

Und wissen nicht: den maler richtet
das gemalte

Diese Antwort ist und bleibt wiederum skandalös, d.h. anstößig, und sie führt uns wieder zurück zu den Bildern, zu dem Gemalten und vom Gemalten zum Maler.

Deshalb zu ihm einige Worte.

2. Armin Guerino –im Korridor ZWISCHEN

zwischen Ägypten und dem christlichen Abendland,
zwischen Tod und Auferstehung,
zwischen Apokalypse und Genesis.

Einige Worte aus dem Prinzip Hoffnung von Ernst Bloch beschreiben diesen Korridor, in dem sich das künstlerische Schaffen und Wirken von Armin Guerino bewegt:

„In der fanatischen Geometrisierung der gesamten ägyptischen Kunst spricht sich ihre Bau-Utopie aus: Todeskristall als geahnte Vollkommenheit, kosmomorph nachgebildet“ (Bloch, Ernst [1885 - 1977 ]: Das Prinzip Hoffnung. In fünf Teilen. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1. Aufl. 1985, 4. Aufl. 1993 [stw 554], Vierter Teil (Konstruktionen), Seite 847).

Künstlerischer Bezugspunkt: Die Baustruktur und die Fresken in der Totenkapelle in St. Michael ob der Gurk.

„War also Ägypten der Todeskristall als geahnte Vollkommenheit, so ist die Gotik mit ebensolcher Entschiedenheit der Auferstehung und dem Leben utopisch zugeordnet. Ihr Bausymbol ist derart notwendig, Tod austreiben, Anti-Tod ist Baum des Lebens aus geahnte Vollkommenheit, christförmig nachgebildet“ (Bloch, l.c. 849).

Künstlerischer Bezugspunkt: Die Baustruktur und die Fresken in der Bischofskapelle in der Westempore des Domes zu Gurk ...

„Das sind die Entschiedenheiten der Bauform Pyramide-Kathedrale selber; sie bleiben beide als versuchte Konstruktion der Abbildlichkeit eines vollkommenen Raumes: hier des stillen Todes mit Kristall, dort des organischen Excelsior mit Lebensbaum und Gemeinde“ (Bloch, l.c.850).

Armin Guerino verbindet diese beiden Welten in einem „Korridor“, wie das in der Ausstellung „Apokalyptik in der Kunst quer durch die Zeiten“ in der Pfarrkirche St. Nikolai Villach vom 18.-21.11.1999 und in der Personalausstellung im Künstlerhaus Klagenfurt im Frühjahr 2000 unter dem Titel „Senet [Vorbeigang] Korridor zwischen“ eindrucksvoll erfahrbar werden konnte.

In dieser künstlerischen Bewegung des „KORRIDOR ZWISCHEN“ scheiden und unterscheiden sich sowohl die Geister wie auch die Wahrheit der künstlerischen Produktionen (= Hervorbringungen). Guerino unterscheidet zwischen einem künstlerischen Werk, z.B. einem Bild, als GENERATOR und
als VERBRAUCHER (Absorbator).
Ein Generator ist ein Werk, das bei längerer Betrachtung schöpferische Kräfte und Ideen freisetzt und aufkommen lässt. Ein Absorbator ist ein Werk, das die Kräfte des Betrachtenden verbraucht, aber nicht freisetzt.

In dieser Betrachtungsweise bieten sich auch Unterscheidungsmerkmale (Kriterien) zwischen Kunst und Kitsch an:
Kitsch ist das, was man nur noch schön findet, wenn man mit sich alleine ist.
„Ein Generator“ (kraftvoller Hervorbringer, ein Bild, das von sich aus viel hergibt) ist für Guerino das Kriterium für ein Kunstwerk. „Der Verbraucher“ oder „Absorbator“ (kraftraubender Aufsauger, entkräftender Beansprucher, z.B. ein Bild in das man zuerst viel, wenn nicht alles hineinlegen muss, bevor überhaupt etwas zu sehen ist) ist das Gegenteil eines wirklichen und wirkenden Kunstwerks

Der KORRIDOR ZWISCHEN ist für Armin Guerino der künstlerische Lebens- und Werkraum in dem sich auch die Totengeister mit den Lebensgeistern treffen und auch voneinander unterscheiden. Je nachdem, in welche Richtung ein künstlerisches Werk entsteht, wird es als Absorbator den Totengeistern verpflichtet sein, oder als Generator die Lebensgeister freigeben.

Ernst Bloch fasst mit den Schlussworten diese Bewegung im KORRIDOR ZWISCHEN Tod und Leben zusammen. Diese Worte können als Kurzformel für das bisherige künstlerische Werk und Wirken von Armin Guerino gelten.

„Mit diesem Blick also gilt: Der Mensch lebt noch überall in der Vorgeschichte, ja alles und jedes steht noch vor Erschaffung der Welt, als einer rechten. Die wirkliche Genesis ist nicht am Anfang, sondern am Ende, und sie beginnt erst anzufangen, wenn Gesellschaft und Dasein radikal werden, das heißt sich an der Wurzel fassen. Die Wurzel der Geschichte aber ist der arbeitende, schaffende, die Gegebenheiten umbildende und überholende Mensch. Hat er sich erfasst und das Seine ohne Entäußerung und Entfremdung in realer Demokratie begründet, so entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat“ (Bloch, l.c. 1628).

3. KORRIDOR ZWISCHEN als Heimat

Im Anschluss an die folgenden Preisverleihungen im Kärntner Landesarchiv wird Armin Guerino in der Nähe des Buffets und vor dessen Eröffnung ein für diesen Tag geschaffenes Kunstwerk enthüllen, in dem der dieses Werk Betrachtende mit dem konfrontiert wird, was diese letzten Worte aus dem „Prinzip Hoffnung“ von Ernst Bloch ansagen.

Im Sinne der Guerinoschen Kunsttheorie ist schließlich auch noch zu fragen, ob der gängige und deshalb vielfältig eingebildete Begriff „Heimat“ ein Absorbator ist oder ein Generator, das heißt eine hoffnungslos wahre, d.h. sich und andere verbrauchende Engführung (Absorbator) oder eine hoffnungseröffnende Perspektive (Generator).

Der Kosmopolit Armin Guerino weiß aus seiner künstlerischen Erfahrung ZWISCHEN Ägypten und dem christlichen Abendland um die Kraft eines durchsichtigen und zur Welterfahrung befreienden und ermutigenden Heimatbegriffes. Er weiß, wo seine Wurzeln herkommen, wo er zu Hause war und ist. Deshalb ist er in der Lage, „radikal“, d.h. wurzelhaft die Welt in Blick zu nehmen und zu geben und sich nicht in einem Heimatbegriff zu verschanzen, der die Welt und alles was noch in ihr ist, auszugrenzen versucht.
Heimat ist für Guerino Hoffnung ganz im Sinne von Ernst Bloch.
„.....so entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat“ (Bloch, l.c. 1628).
Heimat ist die künstlerische Bewegung im „KORRIDOR ZWISCHEN“, eine Bewegung und Handlung, die – um es nochmals mit den Worten von John Updike zu beschreiben – das faktische Leid und Elend der Menschen, ihrer Geschichte und Geschichten „birgt“ und darin künstlerisch offenbart. Weil der Künstler Armin Guerino daran gelitten hat und daran leidet, weil er also noch nicht und nicht damit „fertig“ ist, hat er uns allen zu sagen, was uns alle angeht.“

© Hermann Josef Repplinger, Direktor des Theologischen Institut Klagenfurt, Rektor des Studentenhauses Concordia der Diözese Gurk, Pfarrseelsorger in der Künstlerpfarre Klein St. Paul, Wieting und Kirchberg

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